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... »nicht total schnudibudi.«

Ein Besuch bei Sybille Hein im Atelier gute gründe | Bulletin Jugend & Literatur | 11-2001

Sybille Hein, Foto: Leowee Polyester 2001

Sybille Hein haucht Schalk aufs Aquarellpapier: puschelige Zootiere, Zeppeline und Schnörkelfeen grinsen "billisch" in die Welt. Mal sehen, ob Papas letztes Haar, Gegenstand ihrer ersten eigenen Geschichte, wirklich bis zum Mond reicht...

-[PDF downloaden (11,13 MB)]-> | -[taz-Bericht vom Atelier gute gründe]->

Den Märchenbrunnen im Rücken, klappert mein Fahrrad das Kopfsteinpflaster entlang, vorbei an einer mit Südfrüchten garnierten Frühstückstafel. Da sitzen glückliche Menschen dran. Es klingelt kunterbunt im Berliner Szene-Bezirk Friedrichshain. Knöterich und Balkonblumen begrünen die maroden Häuserfassaden und lassen sie charmant aussehen. Die Bars sind morgens um elf noch verrammelt; auf dem Gehsteig errichten türkische Händler ihre Gemüseauslagen, Musiker verstauen ihre Instrumente in einem Kleinbus.

Hinter einem Schaufenster öffnet sich ein großer Raum mit Holztischen und Malutensilien, Bilder über Bilder zieren die rohen Wände und jemand stellt, oder träume ich, Sonneblumen in eine Vase. Jedenfalls stehe ich vor Käthe-Niederkirchner-Straße Nr. 7, dem Atelier gute gründe. Hier arbeitet die Illustratorin und Kabarett-Künstlerin Sybille Hein neben acht weiteren Kinderbuchillustratoren und Grafikern. In diesem Jahr sind die ersten vier Kinderbücher erschienen, die sie mit ihren Zeichnungen geprägt hat.

Ein Typ in Jeans öffnet mir die Tür. Sybille klackert grüßend herbei, ihre Hände zwecks Flechtarbeiten in der zerzausten Blondmähne vergraben. "Ich war gerade Schwimmen", ruft sie. Dabei kommen ihr die ersten Gedanken für die Arbeit, erfahre ich später, als wir schon kuchenpralle Bäuche haben. "Beim Schwimmen kann man total schön erfinden. Deshalb gehe ich auch gerne allein schwimmen."

Vergolden wir also unsere Herbsttage in Gedanken an einen knackig heißen Sommertag im wildberankten Innenhof des Ateliers. Auf dem Tisch dampfen Tee und Cappuccino, duften die "typischen Michaelkuchen", die Michael Wrede uns durchs Küchenfenster nach draußen gereicht hat. "Er ist die Seele des Ateliers, lobsingt Sybille Hein, dass er´s höre und pustet beim Reinbeißen den Puderzucker vom Küchlein. "Wir werden hier alle gut genährt!"

Klar, dass sie diesen Michael, der längst wieder am Zeichentisch in seinem Logenzimmer sitzt, zusammen mit Marion Goedelt zur Ateliergründung Anfang des Jahres aus Hamburg nach Berlin locken musste. In Hamburg hatte sie mit den beiden bereits während ihres Studiums ein Atelier geteilt, weitere Künstlerinnen dort waren u.a. Jutta Bücker und die Italienerin Barbara Nascembeni. "Unser Atelier war Am Schulterblatt, total szenig," sagt Sybille. "Szenig und nervig, jeden Morgen sind wir zum Portugiesen gerannt."

Nach ihrer Fachprüfung in der Armgardtstraße im Jahr 2000 hielt sie nichts mehr in Hamburg. Nur nach ihrer Frauen-WG, in der sie wild und glücklich gehaust hatte, sehnt sie manchmal zurück. "Hamburg ist jetzt mehr so ein Kurort für mich, kein Ort, wo man leben kann," bilanziert Sybille. "Es wird immer schicker dort, alle haben die Kapitale ihrer Eltern im Kopf, die sie auch erreichen wollen. Die Atmosphäre ist mir zu durchsaniert."
Aber dann fand sie Berlin erst mal beschissen. Sie kannte niemanden und schrieb über die Künstleragentur Filou zig Leute an, keiner meldete sich. Über Anzeigen und Ausstellungen haben sich allmählich doch einige zusammengefunden. "Man ist einfach zu hektisch und denkt immer, die Dinge müssten sofort da sein", sagt sie versöhnlich, "aber das ist ja nicht so. Mit Marion bin ich dann durch die Häuserreihen gelaufen, süße Straße, fanden wir, es war etwas frei und es hat geklappt."

Und was sind die guten Gründe des Ateliers, die Philosophie? "Also, wir wollen nicht total schnudibudi Kinderbuch mit Klein-Bärchen-Chic hier drin haben, kein Erfolgsmodell, sondern witzige Typen, die mit Hochs und Tiefs ihre eigenen Lebenswege gehen und es dadurch vielleicht auch schwerer haben, anzukommen." Ihre eigenen Bilder würde Sybille als "billisch" bezeichnen. Klar. Schneller Strich und eigenartig halt, einen überlieferten Oberbegriff hat sie nicht. Am liebsten arbeitet sie mit Tuschestiften, Bleistift und Aquarell.

Dann betrachten wir sie doch mal, diese schnudibudibärchenfernen Bilder der Sybille. Der Tisch am Fenster zur Straße ist ihrer. Auf dem Fensterbrett stapeln sich zur inspirativen Studie Bilderbücher anderer Künstler, daneben Sybille Heins Entwürfe, von der farbigen Kinderbuchillustration bis zur schwarzweißen Vignette für die Frauenzeitschriften Allegra und Freundin, die sie nach einigen Anläufen mit ihren Arbeitsproben überzeugte. Hierfür probiert sie auch gerne Coloriertechniken am Computer aus.

Amüsiert blättere ich in den Entwürfen zu ihrer Geschichte über Papas letztes Haar und was man damit machen kann. Zum Beispiel eine Wäscheleine bis zum Mond spannen, daran hinaufbalancieren, es aufwickeln und das nackte Mondschaf bestricken. Praktisch, so ein Haar. Wie kommt die Künstlerin denn auf so was hirnverbrannt Herrliches?

"Das ist autobiografisch motiviert," bekennt Sybille Hein. "Ich war einfach so bestürzt darüber, dass mein Vater sich gerade sein letztes Haar abgeschnitten hat. Man kann ja nur über Sachen schreiben, die man persönlich kennt." Alte Schriftstellerweisheit, fürwahr! (Kicher!)

Der erste Auftrag für eine Kinderbuchillustration kam vom Münchener Prestel-Verlag. Fiederike Wilhelmi erzählt in Kim sucht einen neuen Papa ein banales Scheidungsdrama unter Zoo-Känguruhs und kann sich mit Sybille Heins puschelig-leichten Aquarellbildern ziemlich glücklich schätzen. Was der Text nicht hergibt, wiegt die Illustratorin auf und verleiht den Tierfiguren einen unverwechselbar schelmischen Ausdruck.

Aber dann kommt ja James Krüss. Der kleine rosa Zeppelin ist, in ein gutes altes Pixibüchlein gebannt, eine witzige Geschichte über den Zeppelin Rosinante, den ein Sturm zu den Beduinen pustet. In der Wüste sorgt er für Wirbel und wird dafür mit Ziegenfleisch und Dattelbier beköstigt. Sybille Hein zeichnet Rosinante als Propellerfisch mit technisch simplem Unterbau und sorgt nicht nur für ein Maximum an fröhlich-dynamischer Umsetzung der Verse, sondern schreibt selbst mit ihren verwunschenen Bildern das Märchenhafte fort.

Ihre Auftragsarbeiten bereichert die Künstlerin durch eigene Einfälle, zusätzliche Komponenten, die dem Witz der Geschichten eine weitere Ebene hinzufügen. Sybille Heins Bilder erzählen auch ohne Text.

Das zweite von ihr bebilderte Krüss-Werk, Gedichte über Tierkinder, erscheint in der Erstlesereihe Laterne, Laterne bei Oetinger. Dem Fohlen, das in der Titelgeschichte knickebeinig bang durchs Gras schwankt, lässt Sybille Hein ein Eichhörnchen mit einem Kissen zu Hilfe eilen. Sturzhelm, Knieschützer und Federpolster umgeschnallt, stakst das junge Ross nun zuversichtlich grinsend über die Wiese. Dieses Grinsen, das dem gesamten Universum ihrer Figuren im Gesicht spielt, ist unverblümt auch das, mit dem seine Schöpferin durch die Welt flitzt; es ist das billische Grinsen.

Seit 1988 verfügt der Dressler-Verlag über die deutschen Rechte von James M. Barrie´s Peter Pan; in der diesjährigen Auflage begleitet ein kesser Blondschopf die Abenteuer des Jungen, der nicht groß werden wollte, mit schwarzen Tintenstrichen, etwas nachdrücklicher und, der Fantasiewelt gemäß, verschnörkelter, jedoch mit dem gleichen elfenhaften Schwung wie er seine Aquarelle aufs Papier wirft.

Wir werden noch viele Bücher lesen, die Sybille Hein illustriert hat. Sybille Hein aber hat es verlernt, Bücher zu lesen. "Ich stapfe dabei durch eine Welt und stelle mir was vor", erzählt sie, "die Gedanken purzeln und ich bin so aufgeregt, dass ich das Buch in die Ecke pfeffere und weiterkritzeln will, am liebsten tausend Sachen gleichzeitig."

Gegen die Verfransung hilft der Zusammenhalt im Atelier. Er beschleunigt nicht nur ihren Arbeitsprozess, sondern verleiht ihm auch Kontinuität. "Der subtile Druck tut mir gut. Du siehst die anderen Projekte abschließen und fragst dich, was hab ich jetzt eigentlich geschafft?" Wenn einer einen Stau hat, kann er mit anderen Kaffee trinken, die auch gerade einen Stau haben. Und schon läuft´s wieder.

Außerdem geht es lustig zu im Atelier gute gründe. Zwischen Pizzaschachteln und Tuschkästen lauscht die Künstlerschaft in vereinter Andacht alten Gruselkassetten. "Wir sind die große Hörspielfraktion", lacht Sybille. "Wir können alle Drei-???-Kassetten auswendig!"

Wenn keine aktuellen Proben für ihr Psycho-Pop-Kabarett Sybille & der kleine Wahnsinnige anstehen, ist sie fünf Tage die Woche im Atelier und am Wochenende im Namen der Kleinkunst unterwegs. Im Sommer meiner Visite aber schwang sie selten ihren Pinsel in den guten gründen, denn sie hat mit ihrem Kabarett-Gründungspartner Jonas Landerschier am Piano neue Stücke eingeübt und vertont, die sie nun im November im Schloth uraufführt, einer zur Jazzkneipe umfunktionierten Fabriketage am Prenzlauer Berg.

Zur drei Jahre alten Truppe gehören mitunter auch Jazzpianist Jan Heinemann und Blasvirtuose Jochen Schröter. Sybille ist der Chef ("Vor langer Zeit, als das Wünschen noch geholfen hat, herrschte Sybille über zwei wunderschöne nackte Musiker und duldete keinen Ungehorsam."). Sie erzählt und streitet sich mit ihrem Musiker, philosophiert und singt böse Verse von Vätern, die vom Kinderzeugen dickbäuchig werden, von sieben Söhnen, die sich nur eine Braut käschen und sie daheim der Mutter schlachten, vom Liebsten, den man beim Küssen oops! verschluckt. Sybilles Psycho-Pop-Show ist sensibel, sarkastisch, skurril und weit entfernt vom 1:1-Schenkelklopfer der moralinsaueren Polit-Comedy ihrer Elterngeneration. Man muss Sybille zuhören.

Das haben zu Kindertagen schon ihre beiden jüngeren Geschwister begriffen. Bruder Volker (23) konnte die tyrannische Sybille jedoch mittlerweile zähmen; er besorgt die Flash-Programmierung auf ihrer Internetseite SybilleundderkleineWahnsinnige.de. "Der hat was draus gemacht, dass er sein Leben lang von mir unterdrückt worden ist", grinst die böse Schwester.

Sybille Hein, 1970 in Wolfenbüttel geboren, wuchs in der VW-Stadt Salzgitter auf. Ihr Bühnendrang begann schon im Kindergarten, wenn es galt, Maria und die Rauschengel zu spielen. "Ich hatte schon immer in mir so einen Wunsch, mich auszudrücken," sagt Sybille. "Ich habe eine Welt in mir, die finde ich so urig, davon will ich erzählen. Das Spielen ist dabei eine körperlichere, lebendigere Ausdrucksform, das Zeichnen ist eher meditativ. Beides geht gut zusammen."

In der Schule okkupierte sie die Theater-AG, nach dem Abitur gründete sie mit Freund, Freundin und einem Pianisten die Kabarettgruppe Truden im Zwielicht. Daneben schnupperte sie den odeur académique. Nach einigen Reinguckstunden ins Theologiestudium in Hamburg, wenigen Semestern Germanistik in Göttingen und Schauspiel in Berlin, studierte sie ab 1996 vier Jahre an der Hamburger Fachhochschule für Gestaltung. Wie den meisten dort fehlt ihr nur noch das Diplom, das will sie vielleicht in dreißig Jahren mal zwischenschieben.

Seit sie selbstbestimmt in der freien Szene arbeitet, hat sie keinen Nerv mehr, die Lehrer-Schüler-Schiene zu fahren und sich irgendwelchen Formalitäten unterzuordnen. Sie weiß ja nun was sie will, nämlich Bücher illustrieren und Kabarett inszenieren. Die große Ausstellung der Akademie war jedoch Sybille Heins Startpromotion. Um ihre ersten Aufträge für Kinderbücher an Land zu ziehen, stellte sie zudem drei weitere kleine Ausstellungen zusammen, zog, ganz klassisch, mit ihrer Mappe über die Kinderbuchmesse in Bologna und hängte ihre Bilder in die Räume der Kleinkunstbühnen. Mittlerweile ist sie bis 2003 mit Buch-Projekten eingedeckt.

Langfristig will sie jedoch lieber ihre eigenen Geschichten illustrieren. "Ich fand es auch spannend, für andere Leute was auszuprobieren, aber ich merke, dass ich wenig Material geboten kriege, das ich urig finde", sagt sie. "Allerdings birgt das Illustrieren eigener Geschichten die Gefahr der Doppelung. Man ist vom eigenen Text fast nicht so inspiriert wie von fremden."

Den Eindruck hatte ich bei der Geschichte über Papas letztes Haar allerdings nicht. Mindestens bis zur Publikation wird dieser kleine Mädchenfratz auf Papas speckiger Fastglatze, der allerlei Firlefanz für sein monsterlanges Haar ersinnt, in meinem Gedächtnis munter bleiben. Und spätestens dann wird die Erinnerung aufs erquicklichste aufgefrischt!